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Neue Erkenntnisse beim Weltforum "Erneuerbare Energien"
Wien, 6. August 2002 (AIZ). - "Globale Politik für erneuerbare
Energieträger" stand im Mittelpunkt des ersten Weltforums "Erneuerbare
Energien" Mitte Juni in Berlin. Über 450 Teilnehmer diskutierten über
Förderprogramme, Schaffung von Märkten, Perspektiven und die Ablösung
fossiler Treibstoffe durch erneuerbare Energien. Für den Promoter der
Konferenz, Hermann Scheer, sollte die Frage der erneuerbaren Energieträger
an erster Stelle der Umwelt- und Wirtschaftsdiskussion auf globaler Ebene
gestellt werden. Nur der beschleunigte Umstieg auf erneuerbare Energieträger
im weltweiten Maßstab könne die Welt vor einem ökologischen und ökonomischen Kollaps
bewahren, so Scheer.
Über 40 Referenten aus Afrika, Asien, Nordamerika und Europa zogen Bilanz
über die Entwicklungen in den einzelnen Ländern. In den USA beispielsweise
setze auf breiter Front ein Umdenken in Energiefragen ein, berichtete der
Vorsitzende des österreichischen Biomasseverbandes, Heinz Kopetz, von der
Konferenz. Vor allem die Frage der Sicherung der Energieversorgung sei in
den USA ein zentrales Thema. Die Ereignisse vom 11.09.2001, Publikationen
über bevorstehende Rückgänge der weltweiten Erdölförderung,
Versorgungsengpässe von Strom und Gas sowie mangelnde Reserven im
Energiesystem bestätigen die Befürchtung, dass nicht ausreichend billige
Energie vorhanden sei.
USA: Neue Achse zwischen Agrar- und Energiepolitik
Die US-Regierung reagiere unter anderem auf Versorgungsengpässe mit der
Ausweitung erneuerbarer Energieträger. So werden in den USA derzeit 39 neue
Ethanolfabriken gebaut, mit dem Ziel, bis zum Jahr 2004 die Produktion von
Ethanol um etwa 4 Mrd. Liter auf 14 Mrd. Liter zu erhöhen. Viele
US-Bundesstaaten würden weiters verstärkt auf neue Programme zur Forcierung
von Windenergie setzen. Auch die Forschung an Brennstoffzellen werde
vorangetrieben, hieß es. Die Experten erwarten in den USA "eine neue Achse
zwischen Agrar- und Energiepolitik", die zur Forcierung der Biotreibstoffe,
aber auch der Winderzeugung im mittleren Westen führen wird. So seien
Steuerbefreiungen für Biotreibstoffe geplant und Einspeisregelungen für
Windenergie in Vorbereitung.
Volkswagen präsentiert Konzept "Sunfuel"
Vertreter von Volkswagen stellten das Konzept "Sunfuel" vor. Die Techniker
gewinnen aus zellulosehältiger Biomasse (Kohle, Holzabfälle, Stroh)
Kohlenstoff- und Wasserstoffmoleküle. Diese werden in einer Raffinerie zu
einem so genannten Designerkraftstoff aufgebaut, für den ein neuer
Verbrennungsmotor konzipiert wird, der letztlich zu einer Verschmelzung der
Diesel- und Benzintechnologie im Verbrennungsmotor führen könnte. Ob sich
das Konzept "Sunfuel" durchsetzen wird oder ob auf die herkömmlichen
Kraftstoffe einschließlich Ethanol und Biodiesel der Wasserstoff als
dominierender Kraftstoff folgen wird, blieb offen. Doch die
Tagungsteilnehmer waren überzeugt, dass Biotreibstoffe Zukunft haben und
künftig zu einem gewissen Teil die fossilen Treibstoffe ersetzen werden.
Einsatz von Windenergie nimmt zu Weltweit nehme auch die Stromerzeugung aus Windenergie
zu, berichtete Kopetz. Im Jahr 2001 standen 70% der weltweit installierten Windturbinen in
Europa. Nunmehr werden die Aktivitäten in den USA, in Brasilien, in Indien und anderen
Ländern ebenfalls rasch ausgeweitet. Weltweit erwartet man bis 2012 einen Anteil der
Stromerzeugung aus Wind von 12% an der globalen Stromerzeugung. Betrugen 1985 die Kosten
je kWh Windenergie etwa 20 Cent, so liegen sie heute zwischen 7 und 9 Cent je kWh. Auch
die Anlagengröße nimmt zu: von ursprünglich 150 kW haben sich die Anlagen zu Größen
bis zu 1,5 MW entwickelt. In Planung seien ebenfalls Offshore-Anlagen mit über 4 MW.
Ausschlaggebend für diese Entwicklung waren die Stromeinspeisegesetze in
Deutschland, Dänemark und Spanien, informierte Kopetz.
Einspeistarife forcieren Stromerzeugung aus erneuerbarer Energie
Diskutiert wurden die beiden marktwirtschaftlichen Systeme "Einspeistarife"
und "Zertifikate" zur Forcierung der Stromerzeugung aus erneuerbarer
Energie. Beide Modelle sind Systeme mit Staatsintervention, bei denen im
einen Fall der Staat die Menge vorgibt (Zertifikate), im anderen Fall den
Preis (Einspeistarife). Die Diskussion zeigte, dass sich die Stromerzeugung
aus erneuerbaren Energien in jenen Ländern wesentlich rascher entwickelte,
in denen Einspeistarife festgesetzt wurden, so Kopetz.
Kyoto-Protokoll als Impulsgeber
Die Verpflichtungen aus dem Kyoto-Protokoll würden eine Reihe von Ländern
veranlassen, die wirtschaftlichen Anreize für die erneuerbaren Energieträger
zu verbessern, hieß es. Im Rahmen der Instrumente "joint implementation" und
"clean development mechanism" beginnen einige Länder, unter anderem die
Niederlande, Konzepte für den CO2- Handel zu entwickeln. Die Rede sei
derzeit von EUR 3,- bis 5,- pro Tonne CO2-Äquivalent ansteigend bis zu EUR
10,- pro Tonne, so Kopetz.
Indien: Anteil der Energieträger von 2% auf 10% erhöhen
Indien ist führend, was die Entwicklung von erneuerbaren Energieträger
betrifft. So gibt es ein eigenes Ministerium für erneuerbare Energieträger
mit entsprechenden Agenturen im ganzen Land. Indien setzt vor allem auf
Wasserkraft, Wind und Biomasse und will den Anteil dieser Energieträger von
derzeit 2% bis zum Jahre 2010 auf 10% erhöhen. Die Regierung plant,
Windenergieanlagen mit einer Leistung von insgesamt 12.000 Megawatt zu
installieren.
China: Erneuerbare Energieträger kaum entwickelt
In China steckt die Entwicklung im Bereich erneuerbarer Energieträger in den
Kinderschuhen und wird von der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung
gebremst. Der private Automarkt erlebt derzeit einen starken Aufschwung. Die
jährlichen Autoverkäufe liegen derzeit bei etwa 1 Mio. Stück und die
Experten erwarten bis 2010 einen Anstieg auf jährlich 2,5 bis 5 Mio.
Einheiten.
Afrika: Energiesystem hat sich kaum geändert
Auch am afrikanischen Kontinent sind die Perspektiven für erneuerbare
Energieträger eher düster. Das Energiesystem habe sich seit Jahrhunderten
kaum geändert, hieß es auf der Tagung. Ineffiziente, umweltschädliche
Holzverbrennung stehe auf der Tagesordnung. Referenten aus Afrika
kritisierten, dass gewisse Anbote aus dem Westen zu hightech-orientiert
seien und nicht den Bedürfnissen der ländlichen Bevölkerung entsprächen.
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