"Es hat keinen Sinn, mit Regierungen zu reden"

 

Die Globalisierungskritikerin Naomi Klein hält den Erdgipfel von Johannesburg schon jetzt für einen Misserfolg

Die Kanadierin Naomi Klein (32) ist eine der profiliertesten Vertreterinnen der Anti-Globalisierungsbewegung und Autorin des Bestsellers No Logo. Den Erdgipfel in Johannesburg hält sie schon im Vorhinein für einen Misserfolg, vor allem weil die UN Wirtschaftsunternehmen zuviel Mitspreacherecht einräumt. Mit Klein sprach in Johannesburg der FR-Korrespondent für das südliche Afrika, Johannes Dieterich.

FR: Erhoffen Sie sich einen Erfolg des Erdgipfels, oder wäre es Ihnen lieber, wenn die ganze Veranstaltung scheitern würde?

Naomi Klein: Diese Veranstaltung war doch schon, bevor sie begonnen hat, ein völliger Fehlschlag. Keiner redet mehr davon, wie die Welt zu retten ist. Sie reden nur noch davon, wie sie den Gipfel retten können. Sie werden deshalb wenigstens den Anschein erwecken, als ob sie eine Vereinbarung gefunden hätten. Für uns stellt sich die Frage: Erlauben wir ihnen diesen Schwindel?

Während des von Ihnen mitveranstalteten Globalisierungs-Forums am Wochenende wurde vor allem Kritik daran geübt, dass auch Wirtschaftsunternehmen in die Debatte um die Sicherung der Nachhaltigkeit einbezogen werden.

Dieser Pakt mit dem Teufel wurde bereits vor zehn Jahren in Rio geschlossen. Schon damals dachten die UN, sie müssten die Geschäftswelt an Bord holen. Wohl auch, um sich Riesensummen an Sponsorship für die UN-Konferenzen zu sichern. Die Unternehmen subventionierten sogar die Gruppen der Zivilgesellschaft, die sich im NGO-Forum zusammengeschlossen haben, allerdings mit Bedingungen: Sie mussten auf ein Mitentscheidungsrecht verzichten. Heute hat sich der Einfluss der Unternehmen auf den Gipfel weiter drastisch verstärkt. Ein Erfolg dieses Gipfels wäre deshalb in Wirklichkeit tatsächlich ein Misserfolg.

Kommen die Vereinten Nationen als Kontrolleur der Globalisierung für Sie jetzt gar nicht mehr in Frage?

Das ist ein äußerst trauriges Kapitel. Die UN verhalten sich inzwischen tatsächlich wie die Welthandelsorganisation WTO. Die UN haben ihre Ziele mit denen der Privatwirtschaft verschmolzen. Kofi Annan adoptierte ausdrücklich das Modell der Partnerschaft mit dem Privatsektor. Heute muss er sich jedoch betrogen fühlen: Keiner der Unternehmer, mit denen er sich zu diesen netten Phototerminen zeigte, hat sein Versprechen eingehalten. Die nutzten ihn und die UN allein für ihre Zwecke aus.

Was sollen die UN denn anderes tun, als "mit dem Teufel reden"?

Schauen Sie sich die Massenmobilisierung etwa in Lateinamerika an. Da findet gegenwärtig eine Revolution statt, die im Rest der Welt gar nicht richtig wahrgenommen wird. Die Bewegungen gegen die Privatisierung von Wasser oder von Telefongesellschaften, gegen umweltzerstörende Modelle von Landwirtschaft oder die Vertreibung der Landbevölkerung: Sie alle bilden den Grundstock für eine andere, nicht vom Big Business bestimmte Globalisierung. Daran sollten sich die UN orientieren.

Sie konzentrieren sich in Ihrer Kritik fast ausschließlich auf die Unternehmen. Interessieren Sie die Regierungen gar nicht?

Es ist Zeitverschwendung, mit den Regierungen zu reden - sie werden von den Unternehmen beherrscht. In den USA erleben wir gegenwärtig die völlige Verschmelzung zwischen Regierung und Geschäftswelt: Die Leute hüpfen zwischen Vorstandsetagen und Regierungsämtern hin und her. Ich habe allerdings noch nie davon geträumt, dass sich Regierungen einmal gegen Unternehmen auflehnen würden. Vielmehr hängt alles von radikalen demokratischen Reformen, einem viel tieferen Verständnis von Demokratie ab. Die Leute beginnen langsam zu verstehen, dass sie ihren Führern nicht trauen können und das ist großartig.

Hier in Johannesburg haben Sie kaum eine Chance, Ihren Protest wie in Seattle oder Genua zum Ausdruck zu bringen: Die Polizei erstickt jeden Ansatz von Straßenaktion bereits im Keim.

Ob wir auf die Straße gehen oder nicht: In diesem Land formiert sich Widerstand. Auch hier ist die Bewegung in den vergangenen Jahren explodiert, die sich der Privatisierungspolitik der Regierung entgegenstellt und eine Landreform verlangt. Das ist doch der große Betrug der ANC- Regierung: Dieses Land gibt dreimal mehr für private Sicherheit aus als für den Bau von Häusern. Südafrika ist ein Sicherheitsstaat, in dem die Habenden immer größeren Schutz brauchen, um sich vor den Habenichtsen abzuschirmen - ganz ähnlich wie in den Festungen Europa und Amerika.

Am Samstag lieferte die Polizei bereits eine Kostprobe ihrer Entschlossenheit.

Das war tatsächlich einzigartig: Wir waren auf dem Weg zur Polizei-Zentrale, um gegen die Festnahme einiger unserer Freunde zu protestieren. Da warf die Polizei plötzlich Schock-Granaten in die Menge, ohne vorher irgendeinen Gesprächskontakt aufgenommen zu haben. Bei anderen Gipfeln in Genua oder Seattle konnten wir wenigstens außerhalb des Sicherheitsrings demonstrieren. Hier ist jeder Protest verboten.

Wie werden Sie reagieren?

Indem wir uns nicht klein kriegen lassen.



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